Ich fürchte, ohne Angst geht es nicht.

Wann immer wir etwas Neues beginnen, ist sie da. Stellt in Frage, macht unsicher, macht sich wichtig. Will uns zurückhalten, abhalten, will, dass uns nichts passiert, in dem wir nichts wagen.

Kreativ sein heißt, per Definition: Neues beginnen (denn „kreieren“ heißt: „schaffen“). Zum Neuen aber haben wir Menschen eine zwiespältige Einstellung: einerseits zieht es uns an, fasziniert uns: die Neugier ist unsere wichtigste Triebfeder – andererseits macht alles Neue unsicher, denn es birgt Gefahr.

Angst ist unsere Alarmanlage: hier schlummert Gefahr. Das ist wichtig und überlebensnotwendig. Wer vollkommen ohne Vor-Sicht durchs Leben steuert landet schnell im nächsten Graben oder klebt – schlimmer noch – am nächsten Baum. Metaphorisch gesprochen.

Leider ist diese Alarmanlage viel zu sensibel eingestellt. Sie geht permanent los, oft wissen wir nicht einmal warum und verspüren einfach nur eine diffuse Unruhe, ein Unwohlsein, ein Gefühl, das uns abhält das zu tun, was wir tun wollten oder tun sollten.

Der Ausdruck „Die Angst im Nacken“ bringt es auf den Punkt: sie sitzt da wie ein Reiter auf dem Pferd und steuert uns. Oft sitzt sie fest im Sattel – und steuert uns weg von allem, was sie als Gefahr betrachtet.

Das ist kein guter Zustand, denn so kommen wir nie dorthin, wo wir wirklich hinwollen. Wir kommen bestenfalls nur dorthin, wo uns nichts passiert und das sind dann zwar weniger gefährliche aber auch wenig befriedigende Gegenden und Zustände.

Was also tun, wenn sie im Nacken sitzt, die Angst? Ja, das frage ich mich auch gerade, denn ich spüre sie. Genau aus dem erwähnten Grund: weil ich Neues beginne. Gestern erst habe ich die Webseiten fertig gestellt, auf denen ich die neuen art!up Live-Seminare bewerbe.

Das war großartig und befriedigend – das Konzept, finde ich, ist mir gut gelungen, die Gestaltung gefällt mir auch sehr gut und ich freue mich auch wirklich auf die ersten Seminare in Wien, Berlin und München. Ich bin neugierig, wie es werden wird – und, da ist es auch schon, das Stichwort:

Neugier -> Neues -> Angst.

Schon war sie da, heute morgen, unmittelbar nach dem Aufwachen: „Was, wenn sich niemand anmeldet?“, „Wie sollen die Leute überhaupt davon erfahren?“, „Reicht die Zeit bis dahin überhaupt für Werbung und Vorbereitung?“, „Hast du nicht auch noch viel Anderes zu tun?“ – und so weiter und so fort.

Vielleicht glauben meine Kund°innen ja, weil ich Coach bin, hätte ich diese Art von Gedanken schon „hinter mir“ – aber nein, hier kommt die bittere Wahrheit: ohne Angst geht es nicht.

Die Angst per se bekommen wir nicht weg, sie ist Teil unseres Seins, als Mensch, denn, wie gesagt, wer gar keine Angst spürt, lebt gefährlich. Die Evolution hat dafür gesorgt, dass die komplett furchtlosen Exemplare nur selten zur Fortpflanzung gekommen sind.

Wir können die Angst auch nicht „überwinden“, denn das mag sie gar nicht und krallt sich um stärker fest. Was wir aber tun können, tun sollten und tun müssen, ist: sie nicht ans Steuer lassen.

Die Angst im Nacken, die Angst als unser „Reiter“, der uns lenkt, die ist das Problem. Die Angst als Begleiter (statt als Reiter), die ist ok, denn sie macht uns vor-sichtig, das heißt: sie hilft uns vor-her zu sehen, wo die Knackpunkte sein könnten und worauf wir achten sollten.

Lassen wir sie also absteigen, die Angst, von unserem Nacken. Vielleicht macht sie das leichter und sogar freiwillig, wenn wir sie nicht ganz vertreiben wollen, sondern ihr zugestehen, dass sie bleiben darf – aber eben nicht als Reiter, als Lenker, sondern besser als Begleiter, als Ratgeber an unserer Seite.

Statt die Angst im Nacken also besser die Angst an der Hand – so kann sie uns ein wenig führen, aber so werden wir uns auch bewusst, dass die meiste Zeit wir selbst führen sollten.

Bild: Graffiti in Jerusalem, Israel, unbekannte Künstler°in, Foto: Karin Schäfer, August 2013

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