Die Schriftstellerin Elizabeth Gilbert beschreibt in ihrem Buch „Deep Magic“ eine Sichtweise auf „Ideen“, die mir zuerst ein wenig esoterisch vorkam:

Ideen wären so etwas wie eigenständige „Wesen“, die herumschwirren und sich Menschen suchen, durch die sie realisiert werden können. Sie suchen sich Menschen (Künstler°innen, Kreative) durch die sie (die Ideen) sich selbst manifestieren könnten.

Nun habe ich es ja mit Esoterik nicht so, aber trotzdem hat mich diese Vorstellung irgendwie angesprochen.

Wenn ich diesen Gedanken aufgreife, dann heißt das doch: wenn eine Idee bei mir landet, ich also plötzlich eine „Idee habe“, dann kann ich aus dieser Idee etwas machen – oder auch nicht. Mache ich etwas daraus, so ist das ein kreativer Prozess, denn nur durch Kreation wird die Idee manifest.

Mache ich aber nichts daraus, dann „fliegt“ die Idee weiter und sucht sich jemanden neuen, durch den oder die sie sich realisieren kann. Ich kann dann nicht mehr sagen: „He, das war meine Idee“, denn eine Idee gehört niemanden, sie will sich nur durch jemanden in die Realität bringen lassen.

Es ist so, als wäre eines Tages vor meinem Haus eine streunende Katze, die ich zwar sehe und süss finde (was bei mir eher nicht der Fall sein würde – das ist hier nur eine Metapher), die ich aber nicht hereinlasse, sondern die ich einfach weiterziehen lasse.

Wenn ich ein paar Tage später merke, dass ein Nachbar sie aufgenommen hat, kann ich auch nicht sagen: „He, das ist meine Katze, die war zuerst bei mir“. Es wäre meine Katze, wenn ich sie angenommen hätte. Habe ich aber nicht – sie hat sich sich ein anderes Zuhause gesucht.

Natürlich ist das nur eine Metapher, aber sie ist hilfreich. Sie hilft mir auch, nicht bei jeder Idee in Stress zu verfallen und mir zu denken, ich MUSS sie realisieren.

Weil ich nicht die Energie und Möglichkeiten habe, ALLE meine (oder, aus dieser Sicht: alle mir zufliegenden) Ideen zu realisieren, würde ich sonst in einem ständigen Stress leben: „Ich sollte doch…“.

Mit der Ideen-Metapher aber denke ich mir: „ich lasse sie weiterziehen, sie wird schon jemanden finden, der sich um sie kümmert“. Ich lasse nur diejenigen Ideen „zu mir herein“, denen ich tatsächlich ein schönes und gutes Zuhause bieten kann, um die ich mich kümmern kann und will, die zum meinem Leben und zu meinen Projekten passen.

Ausserdem nimmt es mir die Angst, irgendwann keine Ideen mehr haben zu können: Es fliegen so viele – und ständig neue – Ideen herum: wenn ich offen bin und Zeit und Lust habe, mich um eine zu kümmern, dann kommt bestimmt früher oder später eine zu mir.

Klingt für meine Verhältnisse und mein Denken zwar trotzdem ein wenig zu esoterisch – ist aber wirklich ein schöner und beruhigender Gedanke.

Bild: Graffiti (Ausschnitt) in El Raval, Barcelona, 21.10.2013, unbekannte Künstler°in, Foto von Peter Hauptmann #kunstfairteilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.