Vielleicht hilft es ja, mir zu sagen: ich muss nicht.

Klar, ich kann mir Dinge, die ich gar nicht tun will, abgewöhnen, in dem ich mir sage: ich will nicht, ich soll nicht, ich darf nicht, ich kann doch nicht.

Ich will nicht mehr so viel auf Social Media herumhängen. Ich soll nicht so vieles sinnlos goggeln, ich darf nicht so viel essen oder rauchen, ich kann doch nicht meine wertvolle Zeit mit diesem Unsinn vergeuden.

Klar, das geht, aber es hilft so wenig. Weder bei mir, noch bei anderen, mit denen ich arbeite, funktioniert das zuverlässig. So viele Vorsätze, so viele gebrochene Selbstversprechen. Das kann entmutigend sein, kann dazu führen, dass man sich gar nichts mehr vornimmt, sich denkt: ist doch eh egal, das funktioniert nicht, ich halte mich selbst nicht dran.

Das untergräbt das Selbstvertrauen, die Lust, sich zu verändern, den Glauben an die eigene Willensstärke und Selbstbestimmung.

Dabei ist das ungerecht: alle diese Dinge sind explizit dafür gemacht, uns abhängig zu machen. Kluge Köpfe haben sie ersonnen, um uns möglichst viel Zeit damit verbringen zu lassen, zu konsumieren, in uns hinein zu schlingen, ohne viel darüber nachzudenken. Und wenn wir dabei schlechtes Gewissen haben: um so besser, das führt nur dazu, dass wir noch mehr online suchen, uns mit anderen Süchten befriedigen, generell schwächer und hilfloser werden.

Sind diejenigen, die das machen böse? Ich weiß nicht und ich glaube es eigentlich nicht. Es sind viele tausende, ja Millionen Menschen, die da zusammenwirken, jeder erledigt seinen Anteil und ist ja nicht schuld am Gesamtergebnis, so wie die Arbeiterin in der Minenfabrik nichts dafür kann, dass irgendwo am anderen Ende der Welt ein Krieg stattfindet, in dem diese dann eingesetzt werden und unschuldige Menschen zerfetzen. Sie schraubt ja nur, wie vorgegeben, die Teile am Fließband zusammen, Verantwortung trägt sie da doch keine, oder?

So viel oder so wenig wie der Software-Ingenieur, der eine der unzählbaren Komponenten programmiert, die letztlich, alle zusammengenommen, diese unfassbar komplexe virtuelle Maschine darstellen, die unser aller Leben zerfetzt. Indem wir zahllose Minuten und Stunden unserer Tage mit sinnlosen, unseren Lebensabsichten fremden und unsere Lebensenergie verzehrenden Gewohnheiten verbringen.

Letztlich ist es aber egal, wer dazu beiträgt oder dafür an der langen Kette der kleinen und großen Verantwortlichkeiten mit beteiligt ist: das allerletzte Glied in dieser Kette bin nämlich ich, und niemand ist für mein Leben verantwortlicher, als ich es bin. Das ist das große Geschenk und die große Last unser aller Leben: sobald wir erwachsen sind, liegt die Verantwortung für unser Leben voll und ganz, ganz und gar in unserer Hand.

Das ist der Grund, warum wir nicht erwachsen werden wollen und warum auch die allermeisten ausgewachsenen Menschen, bis ins hohe Alter hinein, nicht erwachsen sind.

Sobald wir nämlich erwachsen sind, müssen wir uns auch eingestehen: ich muss nicht.

Es gibt vielleicht viele Gründe, warum ich dies und jenes tue – aber MÜSSEN muss ich nicht. Irgendwie beruhigt mich dieser Gedanke. Er gibt Freiheit. Er gibt Perspektive auch in Hinblick auf ungeliebte „Süchte“ so wie sie oben aufgezählt sind, und viele andere mehr:

Ich muss nicht.



Bild: Graffiti in Wien, Karlsplatz, (Ausschnitt) | unbekannte Künstler°in | fotografiert am 9. März 2021 | von Peter Hauptmann